"Wie werden wir regiert? Wer regiert uns? Woher kommen die Politiker? Wie ist die Struktur der Bundesrepublik, nicht nur juristisch und in der Theorie, sondern im faktischen Geschehen? Welcher Wandel vollzieht sich in der Struktur der Bundesrepublik? ..." (Karl Jaspers, Parteienoligarchie; Bundesrepublik) ... Ursprung und Ziel der Bundesrepublik Deutschland "... sei eine neue Ordnung, die alle Deutschen zu Trägern des Staates macht und Ihnen Recht und Gerechtigkeit verbürgt" (Quelle: ebenda; Seite 183) Doch Jaspers meint, das dies die Deutschen noch nicht seien, nämlich Träger des Staates, und dies gelte vielmehr für das innere des Denkens denn für die äußerliche Institution. Vernichtend stellt er fest, das die Bürger nur Untertanen seien die alle vier Jahre eine ihnen vorgelegte Liste wählen aber nicht wissen, was sie da wählen. Auch an Recht und Gerechtigkeit zweifelt er. Er beklagt die Rechtsbrüche des Staates und der Behörden die niemals eingestanden würden. Die Richter thronten schließlich in ihrer Unangreifbarkeit hoch oben und behandeln das Recht als absolut. "Gerechtigkeit gibt es so wenig wie je, außer in dem Grad der Nachgiebigkeit gegenüber Interessen, die von genügend starken Gruppen vertreten werden". (Quelle: ebenda; Seite 183) Die Frage, ob die Bundesrepublik eine Demokratie sei wird allzuleicht mit dem Grundgesetz beantwortet: "Alle Macht geht vom Volke aus" (Artikel 20) Jaspers sieht die Realität anders. Er vermutet, das der parlamentarische Rat wohl Angst vor dem Volke gehabt haben muß, indem er die Wirksamkeit der demokratischen Eingriffsmöglichkeiten auf die Wahl eines Bundestages alle vier Jahre beschränkte. Allerdings - und hier liegt eine weitere Einschränkung - darf der Bürger aus Listen wählen, die die Pateien vorher festgelegt haben. Damit sei diese verborgene Vorwahl die eigentliche Wahl auf die der Bürger keinen Einfluß habe! Selbst ein Parteimitglied habe nur geringen Einfluß weil ja in Wirklichkeit die Parteienhierarchie und Bürokratie hierfür sorgen. In Summe wähle das Volk, was ihm von den Parteien vorgschlagen wird: "Nach Zufall der Stimmung, politisch gedankenlos, eigentlich ratlos muß es wählen" (Quelle: ebenda, Seite 185) Einen Sinnenwandel, wohlgemerkt Sinnenwandel, stellt Jaspers auch bei der Rolle der Parteien fest. Sie waren gemeint als Organ des Volkes durch das es seinen Willen kundtut. Aber sie würden nunmehr zu Organen des Staates und damit zur Obrigkeit die die Untertanen beherrscht. Während sie ursprünglich also freiwillige Bildungen des Volkes gewesen seien wandelten sie sich in ihrem eigenen Bewußtsein zu Machträgern selbst. "Der Staat, das sind die Parteien. Die Staastsführung liegt in den Händen der Parteienoligarchie. Sie usurpiert den Staat." (Quelle: ebenda; Seite 186) (Usurpation: aus dem lateinischen; Anmaßung eines Besitzes, einer Befugnis, besonders der öffentlichen Gewalt; daher die gewaltsame Verdrängung eines legitimen Herrschers; der Umsturz der Verfassung und die Unterdrückung der Selbständigkeit eines Staates) Und diese Wandlung würde von den Institutionen auch noch befördert. Offenbar hatte der parlamentarische Rat wohl eine stabile Regierung im Sinn. "Die aktive Teilnahme des gefährlichen Volkes sollte möglichst gering werden" (Quelle: ebenda; Seite 186) Verständlich aus den Geschehnissen in der Weimarer Republik sei auch die Institution des konstruktiven Mißtrauensvotums (hmmm ... ist das jetzt nicht aktuell ?), die verlangt, daß ein Kanzler nur abgesetzt werden kann wenn eine Mehrheit einen neuen Kanzler präsentieren könne. Allerdings sei die Weimarer Republik nicht an ihren Institutionen gescheitert sondern weil die Politiker damals versagt hätten, so Jaspers! Auch eine Mitwirkung des Volkes durch ein Referendum (Volksentscheid) habe der parlamentarische Rat nicht zugelassen: Damit habe das Volk "... keinerlei Einwirkung auf die Entscheidungen außer durch die Wahlen, in denen nichts entschieden, sondern nur die Existenz der Parteienoligarchie anerkannt wird. Die großen Schicksalsfragen gehen nicht an das Volk." (Quelle: ebenda; Seite 187) Ebenfalls der Stabilität diene die "Fünf Prozent Klausel" die im ersten Grundgesetz noch nicht enthalten war. Aber sie habe zur Folge, daß sich neue Parteien kaum entwickeln, im Parlament nicht zur Geltung kommen und sich nicht durch Reden und Abstimmungen vor der Bevölkerung hörbar oder sichtbar machen könnten. Damit werde alles Neue erschwert. "Die Klausel ist eine Sicherung der herrschenden Parteien gegen neue Parteien. Daß die Parteien die einzige politische Macht werden, wandelt ihren Sinn. Ihre durch keine Spannung zu anderer Macht eingeschränkte Stellung verführt. Alleinbesitz der Macht ist verderblich ..." (Quelle: ebenda; Seite 187) "Ein Gegengewicht könnte der Bundespräsident sein, wenn er, vom Volke gewählt, dadurch mitmächtiger Autorität ausgestattet, selber Möglichkeiten legaler politischer Einwirkung besäße. Aber das Grundgesetz hat aus Angst vor jeder Art des Plebiszitären auch diese Volkswahl und damit die autonome Macht eines Bundespräsidenten verworfen." (Quelle: ebenda; Seite 187) (Plebiszit: lat. plebs = Menge, aber auch Pöbel und Bürgerstand) Auch die Rolle des Parlaments sei zweideutig. Sie maße sich einmal die Mitwirkung bei Personalfragen an, dann aber wieder verzichte sie immer mehr auf Kontrolle. Der Kanzler ernenne seine Minister zwar nach dem Grundgesetz aus eigenem freien Entschluß, in Wirklichkeit habe er sich mit seiner Partei, einer Koalitionspartei abzustimmen und vielleicht sogar vor seiner Kanzlerwahl Verpflichtungen für eine Ministerwahl getroffen. Der Kanzler könne zwar auch parteilose Minister oder Minister aus einer anderen Partei berufen, aber faktisch könne er dies eben nicht. "Denn die Parteien wollen die Plätze besetzen. Das ist der Lohn für die Parteiarbeit, die Beute des Siegers nach der Wahlschlacht" (Quelle: ebenda; Seite 188) Die Kontrolle durch das Parlament hält Jaspers für gering. Expertenausschüsse mit Vernehmungsrecht seien nicht wirksam. Schäden, Skandale, sachliche Grundfragen würden nicht auf diesem Wege behandelt. So stünde die Regierung nicht unter Aufsicht. "Wo sie stattfinden, kommen sie eher als Schutzmaßnahmen zur Deckung von Fehlern zur Geltung" (Quelle: ebenda; Seite 188) In der Folge stellt Jaspers nun auch noch Mängel in der Gesinnung der Politiker fest. Er unterstellt den Politikern von vornherein antidemokratische und antiliberale Mächte. Dies wird jedoch erst verständlich wenn das Geheinnis der Entstehung des Essays gelüftet wird: nämlich1966! Wenngleich mir viele der oben genannten Mängel auch heute noch hochaktuell vorkommen kann ich zwar nachvollziehen wie Jaspers zu seiner Auffassung über die Gesinnung der Politiker kam, würde sie heute aber für heutige Verhältnisse nicht mehr mittragen. Tatsächlich beklagt er, daß die Parteien sich nicht als Instrumente dieses einen Staates verstanden und einander anerkannten sondern sich gegenseitig die Treue zu diesem Staat absprachen! So nannte Kurt Schumacher (Pateivorsitzender der SPD von 1945 bis 1952) Adenauer den "Kanzler der Alliierten". Konrad Adenauer wiederum sah in den Sozialdemokraten eine Gefahr für den Bestand des Staates. (Anmerkung des Verfassers: Tatsächlich gab es nach der Gründungsphase der Bundesrepublik eine Reihe von Diskussionen und auch Skandalen um Amtsträger selbst in höchsten Staatsämtern denen entweder Mitwirkung oder Mitläuferschaft in der NSDAP (Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei) vorgeworfen wurde wie zum Beispiel dem Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger, dem Ministerpräsidenten von Baden Württemberg Hans Filbinger oder gar dem Bundespräsidenten Heinrich Lübke obwohl dieser bei den Nazis von Februar 134 bis Oktober 1935 20 Monate in Haft gesessen hatte. Umgekehrt wurden sozialdemokratische Politiker wie Herbert Wehner "Ostspionage" verdächtigt oder der Bundeskanzler Willy Brandt des Vaterlandverrats. Die Bezeichnung "Siebte Kolonne" als Schimpfwort für die Sozialdemokraten war nicht unüblich. Auch gab es eine Reihe von rechtsgerichteten Parteien wie z. B. die DKP-DRP (Deutsche Konservative Partei - Deutsche Rechtspartei) oder der NPD (Nationaldemokratische Demokratische Partei), die in den sechziger Jahren in sieben Landtage (Hessen, Baden-Württemberg, Bayern, Bremen, Rheinland-Pfalz, Niedersachsen und Schleswig-Holstein) einzog, in Baden Württemberg 1968 gar 9,8% Stimmen gewann, aber mit 4,3% im Jahr 1969 nicht in den Bundestag kam und danach langsam niederging... allerdings nach der Wiedervereinigung wieder erheblichen Zulauf bekam) Ich denke, hieraus wird die Klage von Jaspers verständlich. Er konstatiert nun allerdings, daß sich aus dieser Situation heraus keine wirkliche Opposition entwickeln konnte. "Entweder blieb die Opposition außerhalb, nur "gegen" . Oder sie suchte Anpassung, ein Gleichwerden mit der anderen herschenden Partei, um dadurch Stimmen zu gewinnen. Das Volk aber entbehrte völlig die politische Denkerziehung durch den offenen geistigen Kampf der Parteien." (Quelle: ebenda; Seite 189) Jaspers folgert, daß eine nicht für den Staat unentbehrliche Opposition leicht als negativ beurteilter, staatsfeindlicher und daher daher als verwerflicher Gegner angesehen werden könne. Wenn die Opposition keine eigenen Denkansätze habe und der Bevölkerung keine Ziele und Wege aufzeigen könne wird sie der herrschenden Partei ähnlich und es ginge nicht mehr um politisch wichtige Dinge sondern nur noch darum an der Regierung teilzuhaben, gleichgültig wodurch oder wie. "Mit der Aufhebung des Spiels der Opposition als unentbehrlichen Faktor der politischen Willensbildungdes Staates hört jede demokratische Freiheit auf. Denn der politische Kampf im Denken der Bevölkerung hört auf." (Quelle: ebenda; Seite 190). Was daraus entstehe sei die Parteienoligarchie. (Oligarchie: Eine Minderheit hat die Macht usurpiert und übt diese zum eigenen Vorteil aus. Sie bewahre zunächst vor der Diktatur aber sie schaffe eine autoritäre Regierung und für eine Minderheit der Staatsbürger (die selbst zu Politikern werden) einen aussichtsreichen Job als Politiker. "Diese in sich geschlossene Minderheit beherrscht die überwältigende Mehrheit des Volkes." (Quelle: ebenda; Seite 190). Die nun folgende Passage des Essays von Jaspers gebe ich im Original wieder weil der Text inhaltlich so dicht und folgenschwer ist, daß jede weitere Erläuterung nur zu einer Verwässerung führen würde: "Parteienoligarchie dagegen heißt: Verachtung des Volkes. Sie neigt dazu, dem Volke Informationen vorzuenthalten. Man will es lieber dumm sein lassen. Das Volk braucht auch die Ziele, die die Oligarchie jeweils sich setzt, wenn sie überhaupt welche hat, nicht zu kennen. Man kann ihm statt dessen erregende Phrasen, allgemeine Redensarten, pompöse Moralforderungen und dergleichen vorsetzen. Es befindet sich ständig in der Passivität seiner Gewohnheiten, seiner Emotionen, seiner ungeprüften Zufallsmeinungen. Die gemeinsame Schamlosigkeit der Parteienoligarchie spürt sich selber nicht. Die Parteienoligarchie fordert vielmehr Respekt, zumal die jeweils führenden Amtspersonen, die Kanzler, Minister, Präsidenten. Wir alle, denken sie, sind doch Vertreter des Volkes, wir können doch nicht schamlos sein. Wir sind durch die Wahl des Volks geheiligt. Wer uns beleidigt, beleidigt das Volk. Kraft unserer Ämter haben wir die Macht und den Glanz, der uns zukommt. [....]" "Unwissenheit ist die notwendige Bedingung - ich sage nicht des Glücks - sondern des Daseins überhaupt. Die Empfindungen, die es uns angenehm oder doch erträglich machen, entstammen der Lüge oder nähren sich von Illusionen." "Nur unbekümmerte Jugend, die das Sterben ... für eine schlechte Angewohnheit der alten Leute hält, oder herzerquickende Dummheit schreiten tierhaft und nur der Gegenwart Rechenschaft ablegend durch diese Jammertal der Armut, der Not, des Wahnsinns, der Atomkriege, der Folter, der Gesinnungsschnüffelei. ... Erstaunlich ist es im Grunde nur ... ... wenn nicht die Entsetzensrufe der pessimistischen Philosophen oder die schneidende Ironie der superklugen, im Tiefsten ihres Seins verwundeten Genies den Alpdruck der Wirklichkeit so erbarmungslos enthüllen wie die einfache, naturwissenschaftliche beschreibende Darstellung exakter Forscher, denen die furchterregenden und wahrhaft schaurigen Aspekte, die sie uns leidenschaftslos von dieser Welt in aller Harmlosigkeit geben, sicherlich völlig entgehen im Eifer des Dienstes an ihrer Sache." (Zitat: Horst Geyer; Über die Dummheit; VMA Verlag Wiesbaden; 11. unveränderte Auflage; 1954; Seite 314) In der Tat ist es bedrückend, offenen Auges durch die Welt zu gehen, die Dinge zu betrachten und sich seine Gedanken zu machen. Und tatsächlich - schaut man tiefer hinein, vielleicht gar wissenschaftlich, entsteht ein Albdruck. Gern nehme ich dieses Bild von Geyer auf der weiter sagt: "Grinst uns nicht ein schauriges Bid vom Menschen, vom Leben, von der Wahrheit an - um so schauriger, als es ganz nüchterne Spiegelungen sind, welche von sachlichen Naturbeobachtern uns vorgehalten werden? ... Die Ägäis, der von Hephaistos geschmiedete Schild des Zeus, trug in seiner Mitte das Haupt des Gorgo, dessen Anblick, der Anblick eines mystischen Urwesens der Unterwelt der jeden Sterblichen versteinern ließ. Um was handelt es sich bei diesem Gorgonenhaupt, dessen Anblickzu ertragen kein Menschenwesen stark genug erscheint? Wir wissen es schon. Es ist das Bild der Wahrheit, das als Lebenden zu erkennen uns Menschen verwehrt ist - da wir es einfach nicht ertragen könnten in seiner Furchtbarkeit. Und da die Wahrheitserkenntnis, oder jedenfalls die Erkenntnis der vollen Wahrheit, mit dem Leben nicht vereinbar ist deshalb existieren wir alle aus der Illusion, aus dem Irrtum, aus der Beschönigung aus dem Nichtwahrhabenwollen. ... Erasmus (von Rotterdam) hat es gewußt. Denn es ist nicht das Licht des klaren Verstandes, das blendende, welches Ruhe und Frieden in wache Menschenherzen gießen könnte. Es ist die Macht der Finsternis, der Dunkelheit, auch der intellektuellen; - es ist die beseligende Nacht der Dummheit also, die uns den Schlaf schenkt, der allein das Träumen gestattet. (Zitat: Horst Geyer; Über die Dummheit; VMA Verlag Wiesbaden; 11. unveränderte Auflage; 1954; Seite 316, 317) Dem habe ich eigentlich nichts hinzuzufügen, ... außer vielleicht ... ein kleines Nachwort zur Intelligenz: "Intelligenz als Nachteil ", so der Psychologe Hector, der anläßlich des 10. Internationalen Kongresses für Psychotechnik in Göteborg 1951 eine Anmerkung zum Thema "Intelligenz als Nachteil" machte, "... Intelligenz als Nachteil könne es nur geben, solange Vorgesetzte existieren, die sie ihren Untergebenen zum Nachteil gereichen lassen - und das ist gerade dann häufig der Fall, wenn die "Vorgesetzten" merken, daß die von ihnen Abhängigen ihnen intelligenzmäßig überlegen sind. Die Kunst wahrer Intelligenz kann hier dann ausgleichen: sie läßt den "Chef" nicht merken, daß er dümmer ist, sondern bestärkt ihn in seiner Illusion des Besserwissens, das dann nur jenes "Besserwissen" ist, das weit von qualifizierter Leistung entfernt ist. Hector gedenkt jener unglücklichen Intelligenten, die so lange nicht vorwärtskommen, bis sie endlich einen Schafskopf von Chef finden, für den sie denken dürfen, während er repräsentiert." (Zitat: Horst Geyer; Über die Dummheit; VMA Verlag Wiesbaden; 11. unveränderte Auflage; 1954; Seite 310) . Horst Geyer kommt schließlich zu dem Schluß: "Die durchschnittliche Struktur der sozialen Ordnung stützt sich zu Recht auf den Durchschnitt menschlichen Verhaltens, also auf die Dummheit; und sie handelte töricht, täte sie es nicht." Was haben der Südbahnhof, die Eintrachtsporthalle, die Steinwache und die Gaststätte Gerold in Brackel gemeinsam? Auschwitz liegt irgendwo in Polen, Majdanek wohl auch. Bergen-Belsen ist ein Truppenübungsplatz der Bundeswehr, Dachau liegt irgendwo in Bayern bei München und Buchenwald ist ein schöner Wald irgendwo. Sicherlich: Diese Orte sind untrennbar mit dem Begriff KZ verbunden. Und die meisten Deutschen wissen das auch. Aber, ... diese Orte sind weit weg, es ist lange her, die Zeit heilt alle Wunden ... und ... kann man nicht endlich damit aufhören ... ? Nein! Die Erinnerung sollte bleiben und uns mahnen darauf zu achten, daß wir nicht wieder in solchen Wahnsinn geraten. Wir sollten es weitererzählen, unseren Kindern klar sagen was wir von solchen menschenverachtenden Machenschaften halten, wie sie zustande kommen und wie man sich davor hütet. Denn es waren Menschen, Nachbarn die ermordet wurden ... ! Diese Mitmenschen lebten seit vielen hundert Jahren gemeinsam mit uns als Nachbarn im selben Land. Sie sprachen sächsisch, schwäbisch, bayrisch, hessisch, plattdeutsch, westfälisch, ... deutsch halt eben! Sie spielten als Kinder gemeinsam mit anderen Kindern, haben große "deutsche" Wissenschaftler, Dichter und Denker hervorgebracht, standen an der Werkbank neben ihren Kollegen, haben in vielen Kriegen ihr Blut für ihr "Heimatland" hergegeben. Sie waren so deutsch daß sie sich vermutlich niemals vorstellen konnten, von Deutschen so grauenvoll ermordet zu werden. Aber wo kamen diese Menschen her, wer waren sie, was haben sie getan, wie hießen sie ... Dortmunder sollten unten weiterlesen um zu erfahren was es mit dem Südbahnhof, der Eintrachthalle, der Steinwache auf sich hat ... ... Morgen vor 63 Jahren (am 27.01.1942) begannen die Deportationen der Juden in Dortmund. Ausgangspunkt war der Saal des Lokals "Zur Börse" an der Steinstraße und die Turnhalle des Sportvereins Eintracht, die die Gestapo gemietet hatte. Frühmorgens mußten die jüdischen Familien zufuß zum Südbahnhof marschieren. Mehr als 1000 Menschen traten beim ersten Transport ihren Weg zur Vernichtung an. Am 27.02.1942 wurde Emil Stein mit seinem Bruder auf einem LKW nach Dortmund Brackel gebracht. Am Tage darauf folgten seine Frau Irma, seine Mutter Anna, seine Kinder, seine Schwägerin, Nichten und Neffen. Zum Schluß waren fast 1000 Menschen im Saal der Gaststätte Gerold. Am 1. März wurden diese Gefangenen des Mittags mit der Straßenbahn (!) über den Hellweg ebenfalls zum Südbahnhof gebracht und von dort in die KZ`s transportiert. In den Anmelderegistern wurde dann zynisch "Unbekannt verzogen" vermerkt. In Dortmund wurden 7 Transporte in die KZ Riga, Theresienstadt oder Auschwitz bekannt. Insgesamt waren es bis 1944 wohl mehr als 5000 Juden aus dem gesamten Regierungsbezirk Arnsberg. Genau weiß man es nicht, denn die jüdische Gemeinde, deren Syngoge am Hohen Wall stand, hatte zunächst nur etwa 5000 bis 6000 Mitglieder. Jedoch waren viele jüdische Familien vom Land in die Anonymität der Stadt geflohen, so daß die Gemeinde auf etwa 8000 Mitglieder stark angewachsen war. Die Nationalsozialisten verjagten den Gründer der Kinderklinik Stefan Engel, ruinierten mit Herta Hoffmann eine engagierte Frau, die für Verbesserung der Arbeits- und Sozialbedingungen bei der "Dortmunder Union" eintrat, woraufhin sie sofort entlassen wurde. Sie hatte sich aber nicht unterkriegen lassen, sich selbstständig gemacht, einen Reifenhandel in Dortmund Hörde gegründet, eine Fahrschule eröffnet, Fahrlehrer eingestellt ...sie war erfolgreich ... das Unternehmen wuchs stark. Aber sie war eine Frau und Jüdin. Auch der Neid wuchs ... Nach 1932 schlossen sich die Fahrlehrer der SS und der SA an ... Herta Hoffmann flüchtete schließlich nach Palästina. Erschütternd ihre Aussage: "Bis heute begreife ich nicht, wie mir alles geschehen konnte in einem Land, das meine Heimat war. Ich habe mich für das Land verantwortlich gefühlt seit ich 18 Jahre alt war und mich mit allen Kräften für sozialen, wirtschaftlichen und kulturellen Fortschritt eingesetzt." Mir liegt mit diesem kleinen Aufsatz daran, dem Geschehen ein wenig die Anonymität zu nehmen. Denn Auschwitz ist zwar weit weg und es ist auch schon lange her. Aber es waren auch Nachbarn aus Dortmund, die grauenvoll ermordet wurden. Und Dortmund ist schließlich nicht weit weg. Zum Schluß stelle ich noch einmal die Frage: Was wäre, wenn Ihre Nachbarn morgen plötzlich "Unbekannt Verzogen" wären? Die Universität St. Gallen in der Schweiz gehört zu den führenden Universitäten in Eurpoa, gleichsam als "Kaderschmiede" für Führungspositionen in der Wirtschaft. Leistet sich die Uni St. Gallen ein moralisches "Scham- Pflästerchen" wenn sie sich auch einen Fachbereich Witschaftsethik leistet? In Zeiten der Globalisierung der Märkte wird allenthalben von "Liberalisierung", von "Marktkräften" vom "gesunden Wettbewerb" gesprochen als handele es sich dabei um Naturgesetze. Zu beobachten sind Arbeitsplatzverluste, soziale Ungerechtigkeit, schwindende Freiheit, Wohlfahrtsverluste und Verlust politischer Autonomie. Von den Politikern wird die Globalisierung allzu leicht als ein Sachzwang dargestellt, gleichsam als ein Naturgesetz. Tatsächlich zeigt sich, daß diese Wirtschaftsordnung als Paradigma und Leitbild in der heutigen wirtschaftspolitischen Praxis eher auf paläo- bzw. neoliberale Weise interpretiert wird. Thomas Bieker hierzu: "Ein weiterer Weg zur Überwindung der globalen Sachzwänge könnte in der Schaffung transnationaler Märkte liegen. Die "Freigabe" eines internationalen bzw. globalen Verkehrs von Waren, Arbeitskräften und Kapital sollte demnach nur an jenen Orten erfolgen, an denen eine entsprechende Norminstanz zur Legitimation und Durchsetzung einer allgemeingültigen vitalpolitischen Rahmenordnung vorausgesetzt werden kann." Microsoft hat sich den "Doppelclick" patentieren lassen ... Ziemlich harmlos kommt diese Patentanmeldung von Charlton E. Lui und Jeffrey R. Blum von der Firma Microsoft daher : "A method and system are provided for extending the functionality of application buttons ... based on the length of time an application button is pressed." Also eine "Methode ... die Funktionalität eines Knopfes in einer Anwendung zu erweitern, indem abhängig von der Länge des Tastendrucks unterschiedliche Funktionen aufgerufen werden ... ." Zu langsamen mitlesen noch einmal: kurz clicken bedeutet, die Funktion A ausführen --- lang clicken bedeutet, die Funktion B ausführen. Noch einfacher: Einmal kurz clicken bedeutet Windows sofort beenden --- einmal lang clicken beendet Windows erst nach einem Systemabsturz. Nun könnte man meinen, das eine solche Funktionalität bei Windows gar nicht erforderlich ist weil es ohnehin sehr bald wieder abstürzt ... denn Windows ist ja bekanntlich ein Mutitaskingsystem, was in diesem Fall bedeutet, daß es gleichzeitig booten (starten) und abstürzen kann. Aber das ist mit diesem Patent nicht gemeint. Gemeint ist ( ... zum Beispiel) die Art, wie in Windows mit einem "Doppelclick" ein Programm gestartet wird. Wäre dieser "Doppelclick" patentiert, dürfte kein Programm eines anderen Herstellers mehr mit einem Doppelclick gestartet werden, es sei denn, der Hersteller bezahlt Lizenzgebüren an Microsoft! Nun wäre das auch nicht der Untergang des christlichen Abendlandes wenn Microsoft nicht mit einer Vielzahl solcher "Trivialpatente" versuchen würde, auch Softwarecodes zu patentieren. Dies hat schon zu zu einiger Aufregung in der Softwaregemeinde geführt. Die befürchtet nämlich, daß Microsoft mit solchen "Trivialpatenten" sogenannte "Open Source" Software (wie z.B. Linux) verhindern will. Wie ernst die Sache ist zeigte sich in München: tatsächlich hat sich die Stadt München im Juni 2004 mit diesem Problem herumgeschlagen. Dort hatte nämlich man beabsichtigt, als Betriebssystemsoftware Linux einzusetzen und eigens ein 40-seitiges Rechtsgutachten zu diesem Thema erstellen lassen. Immerhin ging es um 12.000 Rechner bei der Stadtverwaltung und somit um viel Geld. Microsoft schickte sogar den Starverkäufer Steve Ballmer ins Rennen. Zwischenzeitlich war man in München zwar beunruhigt, treibt das Thema Linux aber weiter voran. Was kostete der Irak- Krieg? Der Dritte Golfkrieg war ein Krieg der USA und verbündeter Staaten (insbesondere Großbritannien, Spanien, Italien, Australien und Polen) gegen den Irak. Der Angriff begann am 20. März 2003. Neben den USA haben sich noch 48 weitere Staaten hinter den Angriff gestellt. (Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Irak-Krieg). Seit Beginn des Krieges sind eine Reihe von Antikriegs- und Anti- Bushfilmen gedreht worden. Ein bekannter Film ist "Fahrenheit 9/11" von Michael Moore. Es wird kritisiert, daß Moore die Tatsachen aus dem Zusammenhang reißt. Moore propagiert folgende Zahlen: o USA: 79 Milliarden US-Dollar für den Krieg und seine Folgen, davon 62,6 Milliarden US-Dollar reine Kriegskosten o Großbritannien: 3 Milliarden Pfund = 4,5 Milliarden Euro o Der Wiederaufbau des Iraks wird laut UN-Schätzung in den ersten drei Jahren min. 28 Milliarden Euro kosten (Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Irak-Krieg) Offenbar müssen viele wohl trotzdem abgeschrieben haben, denn: "Bezüglich einer konkreten Dollar-Summe werden wir in Kürze konkrete Zahlen nennen", sagte Bush Anfang dieses Monats. ... Die Demokraten rechnen mit Kosten in der Höhe von 93 Mrd. Dollar. ... Eine völlig andere Summe wird vom Congressional Budget Office genannt. Demnach soll der Krieg lediglich zwischen neun und 13 Mrd. Dollar kosten sowie weitere neun Mrd. Dollar in den ersten Monaten nach einem Krieg. Ein parteiloser Think Tank namens Center for Strategic and Budgetary Assessments geht davon aus, dass der Krieg selbst 18 bis 85 Mrd. Dollar, eine fünfjährige Besatzungszeit zwischen 25 und 105 Mrd. Dollar sowie humanitäre und wirtschaftliche Hilfe zwischen 84 und 498 Mrd. Dollar kosten könnte." (Quelle: http://www.jesus.ch/index.php/D/article/159/7176/) Montaigne: Dumm wie eine Ziege als Lebensweisheit ... oder: Wie lächerlich hätte Aristoteles ausgesehen wenn er während einer Lehrveranstaltung plötzlich hätte pfurzen müssen? Fast eineinhalb Jahrtausende lang wurden Wissen und Weisheit der Antike missachtet. Kaum einmal kam es vor, das sich jemand mit den Philosophen der Griechen und Römer befasste und wenn, dann in den Bibliotheken von Klöstern. Aber auch (oder gerade) hier durfte nicht einfach das gedacht werden, was naheliegt, nämlich einfache Beobachtungen mit einfachen Erklärungen zu beschreiben denn dort galt, daß Gottes Allmacht alle Dinge vom an Anfang bis in alle Ewigkeit bestimme und leite. Die Erde ist das Zentrum des Universums, der Apfel fällt auf die Erde weil die Allmacht Gottes es so will ... und die Frage ob Jesus gelacht habe beschäftigte wohl nicht nur die Mönche in einer fiktiven Benediktinerabtei im nördlichen Apennin wie in Umberto Ecos Roman "Der Name der Rose". Einfache Schlussfolgerungen wie sie "William von Baskerville" im Roman für die Ermittlung eines Täters in einer Mordserie in diesem Kloster benutze, waren wohl nicht erlaubt ... oder gar bei Todestrafe verboten, wenn sie die Allmacht Gottes infrage stellten. Die historische Volage für die Person des William von Baskerville dürfte von William von Ockham (geb. 1285; gest. 1349 oder 1350) ausgehen. Ockham suchte stets nach den einfachsten Erklärungen für einen Sachverhalt. Er verlangte, das physische (sinnliche) vom metaphysischen (übersinnlichen), und damit auch Staat und Kirche scharf voneinander zu trennen. Diese strickte Vorgehensweise wird deshalb auch als "Ockhams Rasiermesser" bezeichnet und macht ihn zu einem der Väter der modernen Wissenschaften. Wenn Ihnen jetzt noch nicht langweilig ist ... klicken Sie doch unten auf weiterlesen Nun, in der Folgezeit von Ockham kam es zu einer Erinnerung an die antiken Philosophen und zu einer "Wiedergeburt" (Renaissance) ihres Wissens und ihrer Weisheit. Das Zentrum dieser neuen Denkwelt war Florenz. Thales, Euklid, Sokrates, Aristoteles, Platon, Epikur, Catull, Lukrez, Seneca, Cicero, Marc Aurel, Ovid seien als nur einige wenige Beispiele genannt. All diese Philosophen lehrten, unsere Verstandeskräfte gewähre uns ein Glück und eine Größe, die anderen Lebewesen versagt bliebe. Sie strebten zu höchster geistiger Vollkommenheit und rieten, sich von menschlichen Begierden (Lust, Gefühlen, Reichtum etc.) und Ängsten (Todesangst, Verlustangst etc.) zu trennen. Liest man all dies, kommt sich der einfache Mensch ziemlich erbärmlich vor. Wohl zu Recht darf man sich fragen, in welchem "Wolkenkuckuksheim" eigentlich Philosophen leben. Ganz anders Montaigne. Michel de Montaigne (geb. 1533, gest. 1592) lebte als Landedelmann im Südwesten Frankreichs. Sein Großvater war mit dem Salzfischhandel wohlhabend geworden und hatte ein Schloß gekauft. Sein Vater erweiterte dieses Anwesen und Michel verwaltete dies nun obwohl er sich nicht für Hauswirtschaft und Landwirtschaft interessierte. Er verbrachte seine Zeit lieber bei seinen (etwa 1000) Büchern aus Philosophie, Geschichte, Dichtung und Religion. Michel war schon früh an die Klassiker herangeführt worden und hatte als erste Sprache Latein gelernt. Er las die Ansprache des Sokrates (des "weisesten Mannes den es je gab"), befasste sich mit Diogenes, Lukrez, Epikurs Vision vom glücklichen Leben und Seneca, der ihm am besten gefiel. Als sein Vater starb gab er das Parlamentsmandat in Bordeaux auf um sich ganz der Lektüre seiner Bücher zu widmen. "Der Umgang mit Büchern ... tröstet mich im Alter und in der Einsamkeit. Es entlastet mich von der Bürde eines öden Müßiggangs und hält mir zu jeder Stunde unerwünschte Gesellschaft vom Leibe. Er stumpft die stechenden Schmerzen, falls sie nicht zu übermächtig werden. Um einen lästigen Gedanken loszuwerden, brauche ich bloß zu den Büchern greifen." (zitiert nach: Michel de Montaigne, Essais, Eichborn AG, Frankfurt am Main, 1998; Taschenbuchausgabe: München, Goldmann Verlag 2000, in: Trost der Philosophie, Alain de Botton; Fischer Verlag, Frankfurt am Main, 2. Auflage 2004, Seite 143) Aber Montaignes gefüllte Bücherregale erzählen nicht die ganze Geschichte: Er hatte in die Deckenbalken seiner Bibliothek siebenundfünfzig Sätze schnitzen lassen, die Zweifel am Nutzen der menschlichen Denkfähigkeit aufkommen lassen wie z.B.: "Welcher Mensch besitzt an Glück mehr, als ihm der Wahn verleiht, bis der Wahn verschwindet? - Sophokles Wenn du einen siehst, der sich weise dünkt, da ist für einen Toren mehr Hoffnung als für ihn. - Sprichwörter Nichts ist sicher als die Unsicherheit, nichts elender als der Mensch. - Plinius" Die antiken Philosphen (und hier bezieht sich Montaigne auf Cicero) hatten gemeint, unser Verstand sei in der Lage, unsere Leidenschaften zu zügeln und vom Instinkt geweckte Vorstellungen zu korrigieren, die Vernunft dämpfe unsere Körper und sei eine Gegenkraftzu unseren Lüsten nach Nahrung und Sexualität. "Die Vernunft sei ein erhabenes, beinahe heiliges Werkzeug, das uns die Herrschaft über die Welt und über uns selbst ermögliche." (Alain de Botton, a.a.O. Seite 144) Aber die Sätze auf den Deckenbalken redeten eine andere Sprache: Montaigne meinte, daß " ... tausend Weiblein auf ihrem Dorf ein gleichmäßigeres, friedlicheres Leben geführt haben ... als jene armen und unglückseligen Geschöpfe." (Alain de Botton, a.a.O. Seite 144) Er meinte, Cicero habe verkannt, wie unglücklich die meisten Gelehrten waren und in seinem Dünkel verdrängt, das es einzig und allein dem Menschen bestimmt ist, Schwierigkeiten zu haben "die uns in dunklen Stunden vielleicht sogar bedauern lassen, dass wir nicht als Ameisen geboren wurden." (Alain de Botton, a.a.O. Seite 145) ... oder als Ziegen. Diese hatte Montaigne sicherlich im Umfeld seines Schlosses beobachtet. Er meinte nämlich, daß diese immer ganz zufrieden aussähen, ab und zu unwillig den Kopf schüttelten wie eine alte Frau und die Fähigkeit hätten, ohne große Bibliothek zwischen tausenden anderer Pflanzen Dost zu finden, was ihnen bei Verletzungen helfe. Auch "Schildkröten suchen automatisch nach Oreganum wenn sie von Vipern gebissen wurden, und Störche können sich selber einen Salzwassereinlauf verabreichen." (Alain de Botton, a.a.O. Seite 146) Er behauptete, das selbst das bescheidenste Tier ín puncto Gleichmut die klügsten Philosophen in den Schatten stelle. Er zitiert den Philosophen Pyrrhon, der mit einem Schiff unterwegs, in einem Sturm in Seenot geriet. Alle Mitreisenden um ihm herum seien in Panik geraten außer einem, mit einem friedlichen Ausdruck auf dem Gesicht: einem Schwein in der Ecke. Montaigne sagt dazu: "Wollen wir uns etwa erkühnen zu sagen, der Vorzug des Verstandes, von dem wir soviel Aufhebens machen und dessentwegen wir uns für die Herren und Meister aller Geschöpfe halten, sei uns zur Selbstquälerei eingepflanzt worden? Was nützt uns denn alle Kenntnis der Dinge, wenn wir darüber Ruhe und Gelassenheit verliern und sie uns in eine schlechtere Verfassung bringen als Pyrrhons Schweine?" (Alain de Botton, a.a.O. Seite 148) Er gibt zu bedenken: "In Wirklichkeit haben ... wir den Wankelmut, die Ratlosigkeit und den Zweifel als unser Teil, den Kummer, den Aberglauben und das Bangen um die später (und sei es nach unserem Tode) auf uns zukommenden Dinge, den Ehrgeiz und die Habsucht, den Neid und die Eifersucht, die Neugier und die Niedertracht, die maßlosen, wahnwitzigen und unbezähmbaren Begierden, die Lüge, die Untreue und den Krieg. Unseren so großartigen Verstand, dessen wir uns rühmen, und unsere Urteils- und Erkenntnisfähigkeit um den Preis dieser Unzahl von Leiden und Leidenschaften erkauft zu haben, die uns ohne Unterlaß beuteln, heißt doch, daß uns die Sache wahrhaftig allzuteuer zu stehn kommt" (Alain de Botton, a.a.O. Seite 148) Auch wenn Montaigne, wie de Botton vermerkt, am Ende doch nicht wie eine Ziege leben wolle zitiert er ihn noch einmal : "Einzusehen, daß man eine Dummheit geäußert oder getan hat, besagt noch garnichts - man muß einsehen, daß man von Grund auf dumm sei: eine wesentlich umfassendere und wichtigere Einsicht." (Alain de Botton, a.a.O. Seite 148) Schließlich seien die größten Dummköpfe wie Cicero, da sie nie auf den Gedanken kämen, daß sie Dummköpfe seien. Er meint: "Unbegründetes Vertrauen in die Vernunft sei die Quelle der Idiotie" Montaignes Philosophie zeigt eine neue Richtung, die nichts mit den vernünftigen, heiteren Geschöpfen der antiken Philosophie zu tun hat. Er hält die Menschen größtenteils für hysterische, verblödete, plumpe und aufgeregte Wesen und es sei traurige Realtät, daß sich die Philosophie hiermit nicht befasse: "Wer über unser Leben, das teils aus Vernunft, teils aus Torheit besteht, nur ehrerbietig und den Anstandsregeln folgend schreibt, läßt mehr als die Hälfte weg." (Alain de Botton, a.a.O. Seite 149) "Wenn wir unsere Unvollkommenheit hinnähmen und aufhörten, uns eine Überlegenheit anzumaßen, die wir nicht besitzen - würden wir - Montaignes großzügiger, befreiender Philosophie zufolge - begreifen, dass wir auf unsere eigene, teils kluge und teils dumme Art letzten Endes doch ganz passabel sind." (Alain de Botton, a.a.O. Seite 149) Endlich komme ich doch noch zu Platons "Pinkelpause" ... Montaigne gab zu, daß er sich nach dem Essen als einen anderen empfindet: "Wenn meine Gesundheit mir lacht oder ein schöner Tag mit seiner Heiterkeit, wie gut bin ich da zu haben. Kaum drückt mich aber ein Hühnerauge, und schon bin ich unfreundlich, mürrisch und nicht mehr ansprechbar." (Alain de Botton, a.a.O. Seite 150) um sich dann vorzustellen wie es Platon ergangen wäre, hätte dieser mitten in einem Lehrgespräch furzen müssen. Denn hier zeigt Montaigne ein menschliches Gesicht: "Au plus eslève throne du monde si ne sommes assis que sus nostre cul. Auf dem höchsten Throne der Welt sitzen wir dennoch mit dem Arsch. Les Roys et les philosophes fientant, et les dames aussi. Sowohl die Könige wie die Philosophen scheißen, und die Damen auch." (Alain de Botton, a.a.O. Seite 155) Wenn Montaigne hier eine drastische Sprache wählt, dann weil er in seinen Werken die heftige Leugnung des Leiblichen angriff. "Wenn adlige Damen sich nach allgemeiner Ansicht nie die Hände zu waschen brauchten und wenn Könige kein Gesäß hatten, so war es wohl an der Zeit, die Welt daran zu erinnern, dass sie schissen und Ärsche hatten." (Alain de Botton, a.a.O. Seite 156) Ein Zitat sei zum Schlusse noch erwähnt: "Was hat der Geschlechtsakt, dieser so natürliche, nützliche, ja notwendige Vorgang, den Menschen angetan, daß sie nicht ohne Scham davon zu reden wagen und ihn aus den ernsthaften und sittsamen Gesprächen verbannen? Wir haben keinerlei Hemmung, die Worte töten, rauben und verraten offen auszusprechen - und da sollen wir uns dieses bloß zwischen den Zähnen zu murmeln gestatten?" (Alain de Botton, a.a.O. Seite 156) Klingt das nicht ungewöhnlich modern? Westfalen, die "Wiedergänger" und die "Rauhnächte" Schon Anette von Droste Hülshoff wußte in ihrem "Sittengemälde aus dem gebirgichtem Westfalen" davon zu berichten: Die "Rauhnächte", das sind -die Thomasnacht am 21. Dezember, -die Christnacht am 25. Dezember, -die Nacht vor Sylvester und -die Nacht vom 5. auf den 6. Januar. Sie sind fest im Aberglauben der Westfalen verankert. In ihnen liegt besonders viel magische Energie in der Luft: Tiere reden miteinander und der Blick in die Zukunft ist nicht unmöglich. In den Rauhnächten ist nach alter Sage die "Wilde Jagd" unterwegs. Die Seelen der Verstorbenen (Wiedergänger), auch Schweine, Hasen und andere Tiere sollen in den zwölf Tagen zwischen dem 25. Dezember diese wilden Horden bilden. Dem Heer von 432.000 Geistern eilen 24 schwarze Hunde bellend voraus. Auch nackte Weiber fliegen durch die Luft. In der Nacht zum neuen Jahr sollte man in der ersten halben Stunde nach Mitternacht alle Türen und Fenster verschließen - außer der Hintertür, weil durch sie der Segen ins Haus kommt. Die Wurzeln gehen auf die germanische Sagenwelt zurück, aber auch schon in der Antike im alten Rom selbst in Japan, China und an vielen anderen Orten findet man diese Mythen und Riten. Das Wort „rauh“ stammt vom Althochdeutschen „ruh“, was soviel heißt wie grob, haarig, ungezähmt. Es ist jedoch auch eine uralte Bezeichnung für Rauch. Gelbfüßler oder Oierträppler ? Wer ist damit gemeint und warum? Ursprünglich wurde dieser Neckname für die Schwaben, dieses "zusammengespülte Gemisch" von Menschen, das nach dem Rückzug der Römer aus Süddeutschland entstand verwendet. Viel später erst sind die "Badener" damit gemeint. Der Name Schwaben wiederum geht von dem germanischen Volksstamm der "Sueben" aus, die von Norden (... aus dem Elbe - Saalegebiet und auch aus dem böhmischen) in die Gebiete Süddeutschlands einwanderten. Die auch synonym verwendete Bezeichnung "Alemannen" umfaßt jedoch mehr das Volksgemisch, das erst in der Folgezeit dieser Völkerwanderung entstand. Die Alemannen finden sich in Süddeutschland, im Elsaß, in der Schweiz und auch in einigen kleinen Dörfen Norditaliens. Insbesondere die "schweizerischen Alemannen" sehen jedoch die deutschen Alemannen nicht als den Alemannen zugehörig an sondern bezeichnen sie manchmal abwertend als "Schwaben" und nenen sie gern "Sauschwoab". (Hmmm ... ähnlich der Bezeichnung "Saupreiß" der Bayern für die Norddeutschen?) Woher nun die Bezeichnung "Gelbfüßler" kommt ist noch nicht eindeutig geklärt. Es gibt mehrere Erlärungsversuche ... ... Zum Einen soll es davon herrühren, das die Schwaben als bettelarme Menschen früher durchweg barfuß gingen und deshalb vom Staub und Kot auf den Straßen "gelb Füß haben". Interessanterweise findet sich bereits in dem Volksstück die "Sieben Schwaben" ein erster Hinweis. Der erste der sieben Schwaben ist nämlich der "Gelbfüßler" ( ... weitere sind: Knöpfle-, Nestel-, Mücken-, Spiegel-, Blitz- und Suppenschwab) Und gerade der Gelbfüßler wird vom Schultheißen angesprochen: "Was trümmlescht jetz so überzwear dohear. Ih glaub, da bischt dur älle Häusle (Abtritte) im ganza Schwobaland durgwata, so siehsch aus" (zitiert nach: Joh. Schneiderhan, Hrsg.: Ausgewählte Dialektdichtungen aus den Schriften Sebastian Sailers. Ravensburg 1907, S. 191; gefunden bei Rudolf Post). In dem "Kriegszug der sieben Schwaben" wird dann schon der Gelbfüßler als Bopfinger (ehemalige Reichsstadt Bopfingen, heute Ostalbkreis) dargestellt. Als Ursache der gelben Füße wird die Geschichte von der Abgabe von Eiern an den Herzog, die zur besseren Raumausnutzung in den Wagen eingetreten wurden angeführt: "Man erzählt, daß als die von Bopfingen ihrem Herzog die jährliche Abgabe, die in Eiern bestanden, einstmals geben wollten, hätten sie die Eier in einen Krättenwagen (Korbwagen) getan und, damit recht viele hinein gingen, mit den Füßen eingetreten, was ihrer Ehrlichkeit keine Schande macht." ( ... zitiert nach Ludwig Mohr, Freiburg, 1917, S. 7 bei Rudolf Post). "Der Neckname Gelbfüßler wird neben den Bopfingern auch den Bewohnern von Geislingen (Ostalb), Stetten (Rems-Murr), Schelklingen (Alb-Donau), Kappishäusern (Esslingen), Immenstaad (Bodensee), Hartheim (Zollernalb), Conweiler (Enz), Bauschlott (Enz), Pforzheim, Schwäbisch-Hall, Landsberg und den an Memmingen angrenzenden Oberschwaben nachgerufen." ( zitiert nach Moser (2. Aufl. S. 36, 205, 358, ebenfalls gefunden bei Rudolf Post) Weitere Erklärunsversuche leiten den Necknamen von den hirschledernen Hosen ab die viele Menschen des Unterlandes hier trugen oder wegen des Vorherrschens von Gelb in den badischen Landesfarben. So sind mit den "Gelbfüßlern" heute meist die Badener gemeint. Wer mehr wissen möchte: Quelle: http://omnibus.uni-freiburg.de/~post/gelbfues.html